Innenarchitektur, Verschiedenes

„Wir reden beide in der Sprache der Qualität – Ein Gespräch mit Gerd Bulthaup…

…wird zur Begegnungen mit einem Freund, ein inspirierender Gedankenaustausch und die Bekräftigung einer gemeinsame Überzeugung: Vergesst Design!

Unsere Beziehung zu Gerd Bulthaup ist über die Jahre gereift. Aus Geschäftlichem wurden Begegnungen, daraus entstand Freundschaft. Getragen von gegenseitiger Wertschätzung für das Tun des jeweils anderen.

Erfrischende Perspektivwechsel

Anders gedacht und überraschende Zugänge finden –das hat Bulthaup sein Leben lang zelebriert. Er, der die Zeitlosigkeit zum Maßstab erhob, gilt heute als Erfinder der schnörkellosen Küche. Vor vielen Jahren hat er das erste Bulthaup-Studio hier in Fügen eröffnet und jetzt – kurz bevor das neue Küchenstudio von seinem Neffen Marc O. Eckert eingeweiht wird – stattet er uns in Fügen einen Besuch ab. Daraus entsteht ein Gespräch über neue Wohn- und Küchentrends, in seiner Essenz aber eine wechselseitige Offenlegung. Ein philosophischer Streifzug zu den eigenen Überzeugungen, die unser beider Unternehmen tragen.

Gemeinsames Denken in Werten

Der Kunstsammler Christian Boros hat es auf den Punkt gebracht. Künstler und Unternehmer ähneln sich mehr, als man annehmen möchte. Beide gehen Wagnisse ein, beide verfolgen einen Plan. Schaffen Werte, denken langfristig, dynastisch. In der Unternehmerdynastie bulthaup hat die dritte Generation das Ruder übernommen. Bei uns in Fügen arbeitet bereits die vierte und fünfte Generation zusammen. Auch diese Tatsache verbindet.

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Die Kunst als Katalysator

Die Nähe zur Kunst war auch für Gerd Bulthaup lebensbegleitendes Thema. Eine weitere Parallele. Schon als jungen Mann interessieren ihn moderne Kunst, Architektur und Design. Als er in verantwortliche Position im Unternehmen aufsteigt, sucht er nach neuen Verbindungen. Er möchte die Küche revolutionieren und sucht Vorbilder in anderen Branchen. Schon damals formulierte Bulthaup: „Wir wollten schlichtweg die besten Küchen machen, uns nicht an Vorhandenem orientieren, einen Lebensraum für Begegnungen und Kommunikation schaffen.“ Reduziert auf das Wesentliche präsentierte sich die erste Bulthaup, die selbstbewusst zum innenarchitektonischen Bestandteil des Wohnraums wurde.

Neues Denken – Zeitlosigkeit schlägt Moden

Im Austausch mit Otl Aicher, dem Gründer der Ulmer Hochschule und schon damals moralische wie visuelle Instanz, entsteht neues Denken, wie sich Bulthaup jetzt im Gespräch erinnert.gespraech-bulthaup_7


Bulthaup: „Uns wurde klar, dass man nicht gegen die Wand kocht, sondern frei arbeitet, gemeinschaftlich, im Dialog. So entstand das Thema der frei stehenden Kücheninsel. Ich möchte fast sagen, so wie es die Frankfurter Küche in den 1920er-Jahren war, war unsere Küchenwerkbank eine zweite Revolution. Und wenn ich etwas nicht falsch gemacht habe, dann war es die Küche wieder zu öffnen, raus aus ihrer Zelle wieder in den Wohnbereich zu emanzipieren.“

Wetscher: Wenn wir zurückblicken, dann waren all diese Entwicklungen sehr formal dominiert. Geprägt von der Reduktion auf die Essenz, auf moderne Formen, ohne Verweis auf Wurzeln und Herkunft, ohne regionale Färbung. Wenn man der Form das alles austreibt, sie ehrlich und funktional macht, wird sie dann in letzter Konsequenz nicht seelenlos?“

Bulthaup: „Ein interessantes Thema. Wenn wir zurückschauen, so können wir sagen: Wir waren die ersten, Vorreiter. Eine Zeit lang waren wir das, was Apple heute ist. Mir wurde dann aber mehr und mehr bewusst: Wir brauchen die Sinnlichkeit. Und diese Sinnlichkeit wird gesteuert über die Materialität.“

Wetscher: „Also eine neue Poesie, die durch Materialien und deren Mix ensteht?“

Bulthaup: „Die kühle Eleganz der Edelstahlküche findet heute Fortsetzung im kühnen Materialmix mit Massivholz und Beton. Gegenwärtig existieren unendliche Variationsmöglichkeiten, daher wird die Planungskompetenz abseits von Design und Moden entscheidend.

Zuviel ist auch heute noch alles das, was Mode ist. Wir gestalten und machen keine Mode. Das Thema muss nachhaltig sein und ehrlich. Und klarstellen, diese Einrichtung muss 20 Jahre lang taugen. Das heißt also, wir beschäftigen uns nicht mit Mode, sondern mit dem Thema der Zeitlosigkeit. Also mit denselben Themen, mit denen Wetscher sich im Detail befasst. Wir reden beide in der Sprache der Qualität. Und genau diese fabrizieren Sie hier. Was ich da am Anfang gesehen habe, bei unserem Rundgang durch das Haus – die begehbaren Räume im Schlafbereich – höchste Planungskompetenz, international auf der Höhe der Zeit, gepaart mit handwerklicher Exzellenz. Da kommen wir meinem Wunschbild nahe: Da sitzt der Architekt, der Planer, der Handwerker – alle an einem Tisch, um eine gemeinsame Formel zu entwickeln. Das ist für mich die Konstellation meiner Träume.“

Wetscher:Genau das entspricht unserer Philosophie, die wir beständig reflektieren. Wir gehen als ganzheitlich inspirierter Einrichter und eben nicht nur als Möbelhändler und Innenarchitekten davon aus, dass sich der Mensch im Raum wohlfühlen muss. Und der Mensch fühlt sich dann wohl, wenn er in seiner Umgebung ist, die ihn in seinem Wesensinneren spiegelt, seine Werte und Vorstellung räumliche Reflexion finden. Dann entsteht das Gefühl von Zuhause. Im Idealfall trägt einen das ein Stück weit hinaus, überhöht das eigene Ich und wertet die eigene Existenz auf. Die ideale Raumpoesie entsteht dort, wo sich frühere Raster zwischen Moderne und rustikalem Handwerk in individuell perfekt komponierter, qualitätsvoller Zeitlosigkeit auflöst. An genau dieser Schnittstelle sehen wir uns – wir orten die Strömungen, können Moden von Beständigem unterscheiden. Und mit unserer handwerklichen Kompetenz den Räumen Wurzeln geben. Durch diesen Zugang verlieren wir uns nicht in Beliebigkeit – es geht uns auch um Handwerk, das Herkunft zeigt und selbstbewusste Regionalität vermittelt.“


 

Menschenfänger für Gestaltung, Planung und Qualität

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Oberflächliches Design hat Bulthaup nie interessiert, Präzision und Perfektion sehr wohl.

„Vergesst Design“

Diese Aufforderung von Bulthaup ist legendär. Auch den Begriff von Luxus findet man vergeblich. Bulthaup forciert die Qualität, den Purismus mit Poesie, die Individualität. Diesen Gestaltungsmix für ganz unterschiedliche Charaktere auf den Punkt zu bringen, brauche höchste Kompetenz. Beim gemeinsamen Rundgang beweist Bulthaup wieder einmal seinen Hang zum Detail, seine Liebe zum handwerklichen Können, seine Lust höchste Maßstäbe zu vermitteln und meint mit Augenzwinkern in meine Richtung: „Sie haben es doch gerade treffend formuliert, als Sie meinten: Man müsse nicht mehr auf Messen gehen, um immer neue Trends anzuschauen. Man müsse mehr als ,Menschenfänger‘ reüssieren, um junge Menschen zu begeistern – für Gestaltung, Planung, für Qualität, die ihren Preis wert ist.“

Der konsequente Blick nach vorne hat Bulthaup immer ausgezeichnet. Wo also geht die Reise hin beim Wohnen?

Bulthaup:

„Ich sehe in der Planung von Lebensräumen eine Rückbesinnung, die zu viel Offenheit korrigiert und bestimmte Zellen strukturiert. Inseln, die uns Rückzugsmöglichkeiten und Flexibilität offerieren. Gerade das beherrscht Wetscher in Planung und Gestaltung perfekt. Etwa Wände zu kreieren, die mit Funktionen ausgestattet sind, überraschende Raumlösungen, die wechselnde Bedürfnisse erfüllen können.“

Die Küche bleibt archaischer Lebensmittelpunkt

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Die Küche als Mittelpunkt des Lebensraums – was in den 1970er Jahren als revolutionär galt, sieht Bulthaup auch künftig als sich weiter verstärkenden Trend. Ein archaischer Ort, vergleichbar mit den früheren Feuerstellen, ein Mittelpunkt der Kommunikation, der dennoch Intimität vermitteln könne. Unter diesen Prämissen hat er selbst seinen Küchenbereich jüngst umgestaltet und stellt schmunzelnd fest: „Jetzt kriegen wir die Gäste nicht mehr aus der Küche raus, nicht mehr vom Tisch weg. Und wenn es dann noch etwas Gutes zum Trinken und Essen gibt, dann ist der Abend gelaufen.“ Im gesamten Wohnbereich Rückzugsorte zu schaffen, werde als Bedürfnis immer bedeutender, ist Bulthaup überzeugt. Früher war das Loft das Maß aller Dinge, alle Wände mussten raus. Heute sieht Bulthaup die Küche als zentralen Lebensraum, um den sich individuell gestaltete Inseln mit unterschiedlichen Funktionen gruppieren. Gefragt seien daher flexible Raumtrennungen, verschiebbare Funktionswände und intelligente Raumplanungen, die sich an unterschiedliche Lebenssituationen anpassen.

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