Innenarchitektur

Die sieben „goldenen“ Regeln für die gute Küche

Viele tausende Küchen hat Wetscher in den Jahrzehnten gebaut, teils gekauft, immer aber selbst geplant. Was aber macht die perfekte Küche heute aus?

Haben wir bei Wetscher immer schon Küchen gemacht? Es gibt noch eine Kredenz hier im Zillertal, die das belegt. In einem Gasthof, die meinem Urgroßvater zugeschrieben wird. Handwerklich  war die Arbeit meines Urgroßvaters ein Meisterstück – im Stile aber rückwärts statt vorwärts zeigend. Inzwischen sind es wohl tausende Küchen, die wir teils selbst gebaut, teils gekauft, immer aber selbst geplant haben.

Erinnerung: Mit unserer neuen Küche war plötzlich alles anders

Erzählenswert ist die Geschichte unserer eigenen Küche. Einer damals in vielerlei Hinsicht wahnsinnig modernen Küche, einem Meilenstein – Mitte der 1950 Jahre – keine Evolution, eher eine Revolution für Familie und Firma.

Es war die Zeit eines Neuanfangs und jede Erneuerung sollte zeigen, wie weit die unmittelbare Vergangenheit bereits Geschichte war. Eine Trennlinie zwischen neuer und alter Zeit, sichtbar gemacht an ein paar Möbeln. Die neue Küche sollte Programm sein für die ganze Firma. Bis dahin war man froh, überhaupt etwas erneuern zu können. Die Frage des Aussehens war eine sekundäre, weil richtige Handwerker immer wussten, wie etwas auszusehen hatte. In einem Tiroler Tal glich jedes Haus dem anderen und jeder Schrank existierte formell schon hunderte Jahre.

Mit dieser Küche nun war alles anders. Idee und Form waren neu – wenn auch in den alten Raum gegossen. Jeder einzelne der damals wenigen Mitarbeiter war entweder klar dafür oder klar dagegen. Ganz klar. Die alte Küche bestand bis dahin wie überall aus einem mit Brennmaterial befeuerbaren Gussherd, Kredenz, Speis, Tisch – alles ein wenig zusammengewürfelt. Ein praktischer Arbeitsraum, offen zu Garten und Vorratsräumen, immer warm und nur gemütlich durch die im Handwerkerhaushalt ständige Betriebsamkeit und eine stets gut gelaunte Köchin.

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Neues Material, neue Verarbeitung, das schrie nach neuen Formen. Mein Vater – als jüngster Tiroler Tischlermeister gerade erfolgreich an der Wiener Kunstakademie aufgenommen – zeichnete und entwarf seine Vorstellung einer besseren Welt. Erstmals gab es Pressspanplatten und Resopal – eine Papier/Kunststoff-kombination, das Möbelmaterial der folgenden 60iger Jahre. Eine neue Formensprache, die zwar mehr in die neue Zeit als in unseren alten Raum passte.

Der Meister zeichnete, die Tischler bauten begeistert mit den neuen Materialien. Abschneiden, Kantenkleben, fertig. Endlich war‘s vorbei mit diesem schwierigen Massivholz, das sich unberechenbar in alle Richtungen immerzu verändert. Das für größere Flächen so viel Arbeitsschritte, so viel Überlegung verlangt. Unvorstellbar, dass gerade diese Handwerkskunst Jahrzehnte später wieder zum Qualitätsbegriff eines Möbels werden wird.

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Wetscher Küche 1956

Heraus kamen nun Schränke mit großen Frontflächen. Farbig in gelb und grau. Wand zu Wand, Boden zu Decke. Verbaute Flächen, die in ihrer platten Einbauweise schrecklich modern wirkten. Die großen Flächen wurden nur durch die feinen Linien der dünnen Korpus-Platte unterbrochen und geordnet. Das Spiel mit den zwei konträren Farben auf den Fronten war zwar sicher weniger musikalisch als bei Mondrian, der großen Bewunderung tat dies aber hier keinen Abbruch. Wahnsinnig modern war das und diese Küche wurde systematisiert und zum Verkaufsschlager.

Auch die Haltbarkeit überzeugte. Zwar wurden die Geräte öfters erneuert, letztlich wurde in dieser Küche aber über 60 Jahre (!) täglich gekocht.

Rückblick: Die Geschichte kennt zwei Typen von Küchen

Historisch betrachtet gibt es zwei Küchentypen. Den schlichten, praktischen Arbeitsraum im Souterrain eines Stadtpalais, jenen Raum, den nur das Personal von innen kennt. Oder unsere Bauernküchen, jenen belebten, beheizten Raum, den wir selbst von unseren Eltern oder Großeltern her kennen und der zur Typologie der Wohnküche, des gemeinsamen Raumes mit Kochen, Essen und Wohnen geworden ist.

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Frankfurter Küche 1926 von M. Schütte-Lihotzky

Die Möblierung war über die Jahrhunderte uneinheitlich – Ofen, Tisch, Kredenz – eher praktisch und zusammengewürfelt. Durch den sozialen Wohnbau nach dem 1. Weltkrieg stieg der Bedarf nach praktischen, kleinen Einbauküchen rasant. Legendär wurde die von Margarete Schütte-Lihotzky Mitte der 20er entworfene sogenannte „Frankfurter Küche“ – detailgetreu ausgestellt im Keller des MAK in Wien – erstmals auch aus Sicht einer Frau konzipiert.

Heute haben sich die Anforderungen an unsere Küchen radikal verändert. Weil technisch geheizt und geruchsentlüftet wird. Weil die meisten auch anders kochen als einst ihre Großeltern. Weil sie anders aufbewahren, vorsorgen und einkaufen, andere Tages- und Lebensgewohnheiten haben.

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Varenna Küchen- Möbelmesse Mailand 2016

Gegenwart: Die Küche als „Statement-Shirt“ des Wohnens

Deshalb ist die Küche heute Teil des offenen Wohnraums und gleichzeitig letztes Statussymbol. Die Küche ist mit dem Esszimmer der letzte öffentliche Raum. Und die Küche gilt heute als Statusobjekt, wird hergezeigt, wirkt wie ein Statement-Shirt des Wohnens.

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Varenna Küchen – Möbelmesse Mailand 2016

Durch die heute meist offene Gestaltung muss die Küche jetzt wieder sehr viel wohnlicher wirken. Die klassische Speis mutiert heute zur Hinterküche – ein vom Esszimmer uneinsichtiger Teil der Küche, die neben der Aufbewahrung auch dem Abwasch oder grober Zubereitungen dient. Die Einsicht in die Küche selbst ist Teil eines gesamten Farb- und Materialkonzeptes. Die Küche längst nicht mehr isolierte Zelle im Irgendwo. Und genau deshalb werden die Planung, die technische Umsetzung, die Materialien, die Farbabstimmung, die Atmosphäre so wesentlich. Eine komplexe Aufgabenstellung, die das Herzstück der eigenen vier Wände betrifft.

Varenna Küchen- Möbelmesse Köln 2017

Um genau das, gemäß den individuellen Bedürfnissen nicht nur gut, sondern möglichst perfekt zu können, haben wir die besten Planer, die besten Küchenhersteller als Partner und bauen selbstverständlich immer auch noch Küchen selbst.

Meine 7 Tipps für die perfekte Planung

Und wenn ich heute eine Küche für meine eigenen Bedürfnisse plante, dann würde ich jedenfalls folgende 7 Punkte beachten:

  1. Beim Planen nicht alleine auf die eigentliche Küche konzentrieren.Gleich den Ess- und Wohnbereich mitplanen. Sonst wird die Küche eventuell zu groß und der Wohnbereich zu klein oder es ergibt sich aus zu unterschiedlichen Farben, Formen und Materialien kein großzügiges Ganzes. Auch eine neue Küche wirkt dann wenig stilvoll.
  2. Einen Dampfgarer einplanen – denn das gesunde Garen muss heute in jeder Küche möglich sein.
  3. Auf das goldene Dreieck achten: Feuer, Wasser, Aufbewahrung im richtigen Verhältnis ist etwas sehr Individuelles, ist meist dann gut, wenn es unseren Gewohnheiten entspricht. Die kurzen, praktischen Wege dazwischen, ein geschickter Ablauf – auch in einer großen, sehr modernen Küche – bleibt ungeschlagene Planungspflicht und ist der täglich neue Reiz für Koch & Köchin. Auch wenn die Küche rein optisch schon in die Jahre gekommen scheint.
  4. Bitte keine Farb- und Trendexperimente.
    Die Küche ist das langlebigste „Möbel“ in jedem Haus, in jeder Wohnung. Sie muss optisch über den Zeitgeist erhaben sein. Vergängliche Farben, kurzlebige Moden sind wichtig, um die eigenen vier Wände gemütlich ins Hier und Jetzt zu hieven. Kaufen Sie aber um Gottes Willen keine orange Küche.
  5. Unbedingt rein in eine neue Küche sollen heute alle Geräte, die das Leben einfacher und praktischer machen, die helfen, Zeit zu gewinnen.
    Aber Achtung: Die Technik sollte konsequent einfach, bewährt und von solider Langlebigkeit sein, die Marke der Geräte einen kompetenten, schnellen Service bieten. Niemand braucht oder nutzt wirklich 23 Wasch- und Spülprogramme.
  6. Auch die schönste Küche braucht ihre Bewohner. Das Wichtigste der Küche ist für mich daher der Küchentisch. Letzter realer Ort gelebter Gemeinsamkeit einer Familie. Der Tisch als hölzerne Einladung zum Gespräch, zur gemeinsamen Zeit. Gebautes Facebook sozusagen. Deshalb ist der Tisch, seine Größe, seine Position im Raum auch so wichtig. Stimmen die Dinge, gibt der Tisch Halt, Respektsabstand und ein Gefühl von Gemeinschaft.
  7. Der letzte Tipp stammt von einem älteren Wiener Innenarchitekten, der es immer damit hielt, ein gutes Einvernehmen mit einem nahen Wirten durch regelmäßige Besuche herzustellen. Der freundliche Wirt ums Eck als Freund. So gepflogen kann die eigene Küche auch einmal kalt bleiben und die eigenen Kochkünste sich in Bescheidenheit üben.
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Wetscher Bulthaup Studio

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