Innenarchitektur, Trends

Design-Messe im Big Apple – und was man an New York einfach lieben muss

Messingmöbel aus Pennsylvania, massive Holzmöbel aus dem mittleren Westen, ein ganz neues Regalsystem in Teakholz, das ich aus meiner Kindheit von einem skandinavischen Hersteller her kenne – es ist Messezeit in NYC samt „Design Week“. Und schon mal vorab: Neu ist auf den ersten Blick hier erst mal wenig – aber nur auf den ersten Blick wohlgemerkt.

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Zwar hat sich die ICFF, die Internationale Messe für Contemporary Design, zu Nordamerikas führender Messe für Einrichtung der gehobenen Marken entwickelt, kommt aber mit ihren 700 Ausstellern aus 30 Ländern und zahlreichen Events sowie Sonderausstellungen an die Größe der beiden Möbel-Leitmessen in Mailand und Köln noch nicht heran. Die Nase vorne haben die New Yorker scheinbar nur in puncto Feierlaune: Keine Gelegenheit wird für eine Party ausgelassen,  alles wird zu einem Event und einem Happening. Das Leben wird gefeiert – man fühlt sich dort als Mittelpunkt der Welt und ist doch auch irgendwie eine Insel.

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Tradition trifft Zukunft im Big Apple

5th Avenue, kurz vorm Madison Square Park. Poliform, B&B Italia, Minotti – die Showrooms der großen Brands glänzen imperial fast Tür an Tür um die Wette. Wie überall sind es vorwiegend die italienischen Marken, die bestechen, und jenen Zeitgeist einzufangen verstehen, der mit einem Fuß stilistisch tief im letzten Jahrhundert steckt, mit einem anderen aber ein Fenster in die Zukunft öffnet. Dazwischen scheint der Augenblick ein Hier und Jetzt im Lebensgefühl, schmal und kräftig wie ein Blitz so gut getroffen, dass es einem bis unter die Haut knistert.interior-design-messe-new-york_3

Selbstbewusstes Design mit einer Prise alter Heimat

Auf der ICFF, New Yorks aufstrebender Möbelmesse, finden sich manche Wohnsettings auf den ersten Blick „aufgewärmt“. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man Shaker statt Schweden, Manhattan statt Mailand, Urbanität mit Landhaus. interior-design-messe-new-york_4Selbstbewusst, lässig amerikanisch mit einer Prise alter Heimat. Getragen von den kurzen Wurzeln der eigenen Geschichte, von Shaker, Eames und von jenen vielen Künstlern und Kreativen, die hier eine neue Heimat fanden und vor lauter Freude ein Fenster zu einer neuen Zukunft, zu einer besseren Welt aufstießen, ohne die alte Heimat ganz hinter sich zu lassen. Im Unkonventionellen liegt hier Frische und Modernität. Papierwaben als Wandverkleidung, Kunstfelle an Wand und Decke – Hauptsache schön zum Anfassen. Der Trend heißt Haptik, heißt „Anfassbares“ – erschaffen für eine zunehmend unfassbarere, digitale und virtuelle Welt. Erkennbar, ein starker Hang zu einem sinnlich, wahnsinnig femininen, ethno angehauchten Einrichtungsstil. Träumerisch leicht, farblich intensiv und abseits jeder technischen Konstruktion.

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Und es gibt ihn, den Ansatz eines neuen Wohnstils, mitten in Soho neben prominenten Marken wie Artemide, Foscarini, Boffi, de Padova, aber auch Pop-up-Stores von Louis Vuitton und Rebecca Minkoff. Hier hat der amerikanische Leuchten-Hersteller Roll & Hill gerade ein neues Studio eröffnet. Ein leichter Landhausstil in moderner Bausubstanz, zwei bis drei amerikanische Klassiker, etwas Kunst, insgesamt sehr reduziert, aber gekonnt und  selbstbewusst inszeniert.

Dekoration ist das neue Handwerk

Gott gab dem New Yorker seine zwei Hände für Pappbecher und Handy. An und in seinen Ohren klingt Musik oder es wird telefoniert. Jeder scheint in der Masse von Menschen für sich alleine zu sein. Nimmt der New Yorker seine Kopfhörer jedoch einmal ab, ist er der freundlichste und hilfsbereiteste Städter, den ich kenne.

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interior-design-messe-new-york_7Und diesem Städter ist der eigentliche Möbelbau, gutes Handwerk fremd. Die New Yorker sind mehr Dekorateure. New York, die Stadt der wechselnden Identitäten. Weil es alles und jeden noch so kleinen Kulturkreis hier gibt, gilt es, fürs eigene Heim diese Identitäten unter einen Hut zu bringen. Eine Meisterschaft des Sowohl-als-auch. Die Kompetenz des Innenarchitekten liegt in der Dekoration, aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt eine ganz neue Einzigartigkeit zu kreieren. Die Herkunft zeigt, Wurzeln bietet und damit eine unverwechselbare Identität schafft.

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Was uns nach New York führt – und was wir am Big Apple lieben…

Abends, Madison Square Park. Es regnet in Strömen. Ein paar Menschen sehen angestrengt durch das Schaufenster eines Möbelladens. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, beobachtet zu werden. Unsere Blicke treffen sich und gleichzeitig sind wir überrascht und erfreut. Pietro Galimberti, der Senior unserer italienischen Edelpolstermarke Flexform steht vor mir. Sein Neffe Giuliamo, die Exportleute – ein freudig überraschtes Begrüßungsritual. Ich frage gleich, warum er hier ist, welche Läden er sich ansieht, was es Neues gäbe hier in NY. Er kokettiert mit überraschtem Blick, erklärt, er sei nicht wegen der Möbel hier, sondern wegen des Essens und verfällt mit der ganzen Gruppe und uns in schallendes Gelächter. Stil und Geschmack lassen sich in Form von Möbeln, Stoffen und Materialien eben oft leichter exportieren als die gute italienische Küche.

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