Trends

Mailand 2018 – Möbel ohne Vergangenheit oder die Reise in die eigene Geschichte

Mailand im Frühling. Messezeit für Architekten und Inneneinrichter. Hier wird gerade die größte, sicher aber die stilprägendste Einrichtungsmesse der Welt zelebriert. Mit mehr als 2000 Ausstellern und wahrscheinlich ebenso vielen Events abseits des Messegeländes. Verteilt in der ganzen Stadt, in der Zona Tortona, rund um die Via Durini und im Design District Brera.

 

Messe 2018, Vitra Plastic Chair von Charles & Ray Eames, (Entwurf 1950)

Lebensbühne – voller Kontraste & Leidenschaft

Italien wird schlecht geschrieben, geht es mir durch den Kopf – wirtschaftliche Verhältnisse, Politik, Organisation. Das Land lebt allerdings auch von Kontrasten und ganz Mailand ist zur Messezeit ein solcher. Ausstellungen und Events abseits des Messegeländes sorgen für Denkanstöße, Unterhaltung und jede Menge Lebensfreude. Nirgends – so scheint es – ist das Leben gerade jetzt üppiger und nirgends wird mehr aus dem Vollen geschöpft.

Messe 2018, Fledermaus Sessel, Knoll International (Entwurf 1938)

Ein Leben voller Kontraste und Leidenschaft – das auf möglichst großer Bühne zelebriert wird. Die Branche boomt, die großen „Brands“ der italienischen Einrichtungsindustrie sind weltweit gefragter denn je. Keine Stilrichtung dominiert. Ganz im Gegenteil: Präsentiert wird in Mailand ein vielfältiges Sammelsurium an Stilrichtungen. Jeder noch so fremde Stil, jeder Trend findet irgendwo in diesen endlosen Hallen seine Realität.

Der infantile Glaube an eine ganz andere Welt

Dreißig Jahre bei der Mailänder Möbelmesse haben – abseits der oberflächlichen Trends – meinen Blick für echte Möbelklassiker geschärft. Inmitten all der neuen Moden sind sie auch dieses Jahr wieder auf dem Messegelände zu finden: Die alten-neuen Klassiker, mit jenen starken Entwürfen, die ihre Zeitlosigkeit bereits bewiesen haben. Sofas und Sessel von Knoll International, von Vitra sowie Designerstücke von Cassina oder die Kollektion Spalt von Wittmann sind zeitlose Designhighlights.

Messe 2018 – Constanze ¾ von Johannes Spalt (Entwurf 1960)

Noch nie wurden diese Klassiker in höherer Qualität produziert als heute – aber eines bleibt seit Jahrzehnten unverändert: Ihre charakteristische Form. Möbel, die ohne „Vergangenheit“ entworfen wurden, ohne Rückblick oder Research, ohne einen Funken Achtung für eine Vergangenheit, wie sie uns im augenblicklichen Retro-Zeitgeist ganz fremd ist. Ende, Aus und Neubeginn scheint die Designdevise gewesen zu sein, zusammen mit einem fast infantilen Glauben an eine ganz andere Welt. Und der Däne Verner Panton war einer der mutigsten und erfolgreichsten Vertreter jener Denkrichtung.

Bewährtes wird nicht bewahrt

Fern ab von altbekannten Designs schuf auch Panton zeitlose Möbel mit Witz – ohne auf Vergangenes zurückzugreifen. Die Weiterentwicklung von Bewährtem kam ihm nicht in den Sinn. Panton war es, der als einer der ersten die Kunstrichtung Pop-Art in die Welt des Möbeldesigns einfließen ließ. Ein Wagnis, das uns im augenblicklichen Retro-Zeitgeist relativ fremd geworden ist. Sein Mut wurde belohnt und machte ihn zu einem der einflussreichsten und erfolgreichsten Möbeldesigner und Innenarchitekten des 20. Jahrhunderts. Ich stelle fest, dass seine Designs nur bei genauerer Betrachtung ihren leisen Hauch von skandinavischer Funktionalität und Zurückhaltung offenbaren. Panton entsagte den Retroeinflüssen und widerstand romantischen Versuchungen. Daraus entstand eine völlig neue, aufregende Formensprache.

Im Trend: Minimum an Form, maximale Materialität

Diese resultiert heute in einem Minimum an Form, bei maximaler Materialität. Kostbarer, abwechslungsreicher sowie haptischer sind die verwendeten Materialien. Ebenso prägnant wie Marmor, Kupfer und Messing ist die flächendeckende Liebe zum Detail. Vielleicht – so scheint es mir – das ein oder andere Mal mit einem ironischen Augenzwinkern versehen. Panton strebte einst mit seinen innovativen Designs keine Evolution im Design an. Er wünschte sich eine Revolution und den Einsatz von Fantasie. Heute wird aus diesem Erbe mühelos eine klare, saubere und unaufdringliche Wohnraumstimmung kreiert, die durch alte-neue Klassiker geprägt ist. Möbel mit hohem praktikablen Wert, aber auch höchster Ästhetik und Eleganz. Mit den pastellfarbenen Akzenten und minimalen Kontrasten – ohne aufdringlichen Luxus – hält so eine hohe Wohnqualität in die unterschiedlichen Wohn- und Lebenssituationen Einzug.

Zanotta Sessel NOLI 2018, De Padova Sessel DONZELLETTA 2017

 

Panton in Fügen – Poet, Revolutionär, Fantast

Wetscher Kundenbar 1969 nach Verner Phanton

Zu Recht faszinieren Pantons Designs bis jetzt und das Interesse an seinen Kreationen ist ungebrochen: So wurde auch die legendäre Wetscher-Bar einst von Pantons Möbelstücken, Farben und Formen inspiriert bzw. in Anlehnung an diese errichtet. So fühle ich mich inmitten der Mailänder Möbelhektik unmittelbar zurückversetzt in meine Jugend, die eng mit der legendären Bar im Untergeschoss unseres Einrichtungshauses verknüpft ist.

Mailand 2018 macht deutlich: Der Blick zurück ist zeitgemäß – und besser hätten wir den Zeitpunkt unserer aktuellen Sonderschau in Fügen nicht wählen können. Denn von der Qualität des ungewöhnlichen und vielseitigen Stils der Design-Legende können sich Interessierte derzeit anhand einer Ausstellung über Verner Panton – im Design Museum im Wetscher Braukeller – überzeugen.

Verner Panton Ausstellung im Design Museum Wetscher Braukeller, April 2018

NS: Das Design Museum im Wetscher Braukeller ist Mo-Fr von 9-18 Uhr und jeden Samstag von 9-17 Uhr geöffnet.

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