Innenarchitektur, Verschiedenes

Von fernen Utopien des Wohnens

„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit“ – dieser legendäre Satz wurde vor 50 Jahren bei der ersten Mondlandung ausgesprochen. Das legendäre Weltraumprojekt veränderte nicht nur die Sicht auf die Welt – auch unser Wohngeschmack wurde mit vertrackten Zukunftsvisionen aufgeladen. Ein Rückblick auf das Ende der 1960iger Jahre – damals wurden Vorstellungen von gemütlichen Tiroler Stuben gleich mit auf den Mond geschossen.

Die 60iger – ein Jahrzehnt greift nach den Sternen. Mode und Wohnen – als Spiegel von einem kollektiven Lebensgefühl – verändern sich völlig. Die Reise zum Mond wurde zum Sinnbild für den Verlust von totaler Bodenhaftung. Beim Wohnen: Wertvolle, alte Riemenböden fliegen raus, landen auf der Müllhalde. Stattdessen: Kunststoff, PVC und Linoleum sind jetzt angesagt – in den Farben und Formen des Dänen Verner Panton.

Bei Wetscher entsteht im Sommer 1969 die „Rote Bar“, ganz im Stile Verner Pantons und optisch wie ein Vorzimmer von Major Tom. Fließende Formen an Boden, Decken, Wänden, Kunststofflampen und verbaute Neonröhren, eine orange-rote Unendlichkeit.

Tradierte Gemütlichkeit wird zu Kleinholz

Alles sieht jetzt aus wie von weit her – der Stallgeruch der eigenen Herkunft, das Tirolerische, das Lokale wird ungenießbar. Der Blick geht weit hinaus bis zu den Sternen, hinter uns liegt der Mief der ungewollten Geschichte samt seinen Formen und braun gebeizten Hölzern. Dieser kleine Schritt auf dem Trabanten machte Kleinholz aus den gewohnten Vorstellungen von Gemütlichkeit.

Gelandet in der neuen Zeit?

Hoch hinaus schoss der Wunsch, alles Gewohnte hinter sich zu lassen und die Füße von der Erde zu bekommen. Apollo 11 war endlich der Beweis, dass wirklich alles möglich wird, dass jede noch so große gedankliche Utopie möglich ist und sich der Mensch über sich selbst erhebt. Die Tischleuchte in sprödem Plastik, grellen Farben und in wulstigen Formen einer Umlaufbahn galt als heimischer Beweis bereits gelandet zu sein – hier in der neuen Zeit.

Piero Busnelli, Gründer von B&B Italia (damals C&B, Cassina & Busnelli), trennt sich von Federn, Gurten und Spannern, um seinen Sofas den nötigen Sitzkomfort zu injizieren. Zusammen mit BASF entwickelt er einen formbaren, haltbaren Schaum, den er mit allerlei Fasern überzieht. Diese Idee lässt Möbel in Modulen für die ganze Welt bauen und die Firma förmlich explodieren. Architekt Renzo Piano baut eine neue Firmenzentrale in einem 3000-Seelen-Ort nördlich von Mailand, die aussieht, als sei sie nicht von dieser Welt. Später wird er den Wettbewerb für das Centre Pompidou in Paris gewinnen. Im allgemeinen Überschwang wird das übergroße Fauteuil „Big Mama“ in Form einer flachen Schachtel geliefert, die sich beim Öffnen selbständig aufbläht und zum formschönen Möbel wird. „Big Mama“ ist längst ein Klassiker – der Gag des aufblasbaren Schaums wegen allerlei Risiken verboten. B&B mit seinem neuen Sitzkomfort und den von italienischen Stararchitekten entworfenen Modellen ist seit 1969 bei Wetscher. Im Herbst feiern wir deshalb Jubiläum und eröffnen eine ganze neue Ausstellung.

Gewohnte Raumeinteilungen werden entsorgt

Altmodisch schien auch die Vorstellung vom familiären Zusammenleben. Im Eifer der Entstaubung alter Disziplinen wurden die gewohnten Raumeinteilungen für Häuser und Wohnungen gleich mitentsorgt. Offen, luftig, rund und fließend in den Übergängen, abgehoben von festem Boden, ja nicht auf der Erde ruhend. Das war die Vorstellung vom Wohnen im neuen, nahen Jahrtausend. Es knisterte im ganzen Haus vor Spannung und Aufbruch. Der neue, große Wetscher mit all den Stilen und Wohnwelten war am 20. Juli 1969 ein paar Wochen alt.

Wohnwolke statt Reihenhausromantik

Die Künstler Reinhard Artberg und Alois Schild schmiedeten und spannten eine „Wohnwolke“, eine Riesenwolke zum Wohnen, die artgerecht gleich auf das Dach des Einrichtungshauses geflogen wurde.

Weit sichtbar und laut hinausschreiend eine Vision des befreiten Wohnraums – eine Reihenhausromantik mit Mondanschluss, vor allem aber dem Himmel näher. Daneben legten sie ihre künstlerischen Überlegungen und Ergebnisse in Zeichnungen und Skizzen dar – die Wohnform der Zukunft für einen befreiten Menschen, die brave, rechtwinklige Raumeinteilung soll sich auflösen wie althergebrachte Konventionen im Denken. 

Was bleibt? Die Sehnsucht nach der besseren Welt!

Apollo 11 ist nach wenigen Tagen wieder sicher gelandet. Die Astronauten zogen die schweren Anzüge aus und freuten sich sicher wieder auf den festen Boden unter den Füßen.

Zurück ist großteils auch unsere „alte“ Vorstellung von der Schönheit und Qualität jener Dinge, die uns unmittelbar umgeben. Dinge von Geschichte und prominenter Herkunft.

PVC und das wirklich viel Zuviel von oranger Farbe sind in den weiten Sphären der Stilirritationen verschollen. Geblieben ist beim Einrichten der Wunsch nach einer eleganten Moderne, nach Internationalität und ihrer Verbundenheit mit dem Ganzen – und bei genauem Hinsehen, in Pantons wunderbarer Hängeleuchte „Globe“, der zarte Silberstreif als eine Verheißung für den Aufbruch in eine bessere Welt.

Das sollten Sie auch in Ihrer ganz persönlichen Umgebung nie auslassen: Ein Stück, das Wurzeln gibt, mit Geschichte und Herkunft. Etwas, das zeigt, wo Sie wohnen und wo Sie herkommen. Daneben braucht‘s aber auch ein Stück einer Utopie, etwas Phantastisches, Neues, Ungewohntes, ein Stück, das eine bessere Welt zitiert und uns an die Sehnsucht und das Lebensgefühl der Menschen in den 1960igern erinnert.

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